
Gewaltfreie Kommunikation klingt ernst, fast wie Friedensverhandlungen im Wohnzimmer. Dabei ist es im Kern ein ziemlich einfaches Vier-Schritte-Rezept, mit dem selbst hartgesottene Wölfe lernen können, ab und zu wie eine Giraffe zu sprechen. Und keine Sorge, Du musst dafür nicht Deinen ganzen Wortschatz umkrempeln, es reicht, die vier Schritte im Kopf zu haben und ab und zu daran zu denken.
Schritt 1: Beobachtung, oder: erstmal die Fakten, Wolf!
Der Wolf in uns bewertet sofort: „Du kommst ja schon wieder viel zu spät, wie immer!“ Die Giraffe bleibt erstmal bei den Fakten: „Wir hatten 18 Uhr ausgemacht, jetzt ist es 18.30 Uhr.“ Klingt fast zu nüchtern, ist aber der Trick dabei: Ohne Bewertung kann sich niemand angegriffen fühlen, und das Gespräch startet nicht schon mit einem kleinen Kampf.
Schritt 2: Gefühl, oder: was in mir wirklich los ist
Jetzt darf es persönlich werden, aber ehrlich persönlich. „Ich fühle mich hintergangen“ ist in Wahrheit schon wieder eine Anklage in Verkleidung, weil da ein „Du hast…“ mitschwingt. Echte Gefühle sind schlichter: genervt, traurig, erleichtert, enttäuscht. Klingt fast zu einfach für so viel Gefühlschaos, ist es aber nicht, gerade weil es so schlicht ist, kann der andere es viel leichter hören.
Schritt 3: Bedürfnis, oder: worum es eigentlich geht
Hinter jedem Gefühl wartet ein Bedürfnis darauf, entdeckt zu werden, wie ein schüchternes Reh hinter dem Busch. Genervt über die Verspätung? Dahinter steckt oft der Wunsch nach Verlässlichkeit. Traurig, weil jemand nicht zugehört hat? Dahinter steckt vielleicht das Bedürfnis nach Gesehenwerden. Sobald das Bedürfnis auf dem Tisch liegt, hört der Streit ums Rechthaben meistens von ganz allein auf, weil es plötzlich nicht mehr um Schuld geht, sondern darum, was jemand eigentlich braucht.
Schritt 4: Bitte, oder: was jetzt konkret passieren darf
Zum Schluss kommt die Bitte, am besten so klar und machbar formuliert, dass der Wolf im Gegenüber gar nicht erst anspringen muss. „Kannst Du mir kurz Bescheid geben, wenn es später wird?“ funktioniert deutlich besser als „Sei doch endlich mal pünktlich!“ Eine gute Bitte ist konkret, im Hier und Jetzt umsetzbar, und lässt dem anderen trotzdem die Freiheit, Nein zu sagen.
Und im echten Leben?
Zusammen ergibt das: „Wir hatten 18 Uhr ausgemacht, jetzt ist es 18.30 Uhr. Ich bin genervt, weil mir Verlässlichkeit wichtig ist. Kannst Du mir das nächste Mal Bescheid geben?“ Klingt anfangs holprig, keine Sorge, so geht es allen am Anfang, auch mir. Mit der Zeit wird daraus keine auswendig gelernte Formel mehr, sondern einfach eine andere Art, mit Menschen zu sprechen.
Warum der ganze Aufwand?
Natürlich kannst Du auch einfach anklagen, dichtmachen oder in den Streit gehen. Oder darüber streiten, wer wann was wie gesagt hat. Herzlichen Glückwunsch, dann könnt Ihr euch die nächsten drei Tage schön daran aufreiben, wer recht hat.
Übrigens.. Der Dichter Rumi, den Marshall Rosenberg gerne zitierte, hat es so gesagt: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“
Gewaltfreie Kommunikation macht daraus etwas anderes: Verbindung. Aber nur, wenn beide sie wollen. Das ist wichtig zu verstehen: Wer keine Verbindung möchte, bei dem wird auch die schönste Giraffensprache nichts ändern. GFK ist kein Trick, mit dem Du jemanden gegen seinen Willen erreichst.
Wenn Ihr beide aber wirklich an echter Verbindung interessiert seid, dann ist ehrliche Kommunikation über Gefühle und Bedürfnisse der Goldstandard. Sie verändert unglaublich viel, wie ein Gespräch verläuft, und oft auch, wie Ihr euch danach fühlt.
Noch ein paar Beispiele aus dem Alltag
Damit Du ein Gefühl dafür bekommst, wie das in echten Situationen klingen kann, hier ein paar Alltagsmomente. Einmal ganz sauber nach den vier Schritten, einmal in Straßengiraffisch, also so, wie Du es tatsächlich sagen könntest mit ein wenig Übung.
Das Geschirr steht schon wieder in der Spüle
Vier Schritte: „Das benutzte Geschirr steht seit heute Morgen in der Spüle. Ich bin genervt, weil mir wichtig ist, dass wir uns die Hausarbeit teilen. Kannst Du es heute Abend noch wegräumen?“
Straßengiraffisch: „Ehrlich, das Geschirr nervt mich gerade, ich will nicht ständig hinterherräumen, machst Du das heute Abend?“
Das Wohnzimmer sieht aus wie nach einem Blitzkrieg im Kinderzimmer. Oh, herrlich, das kenne ich so gut!
Vier Schritte: „Dein Wohnzimmer sieht seit drei Tagen so aus. Ich werde langsam echt ungeduldig. Ich möchte saugen und nicht ständig daran erinnern müssen. Kannst Du es bis heute Abend aufräumen?“
Straßengiraffisch: „So langsam reicht’s mir mit dem Chaos, räum das bitte bis heute Abend auf, ja?“
Im Meeting fällt Dir jemand ständig ins Wort
Vier Schritte: „Du bist mir gerade zum dritten Mal ins Wort gefallen. Ich bin frustriert, weil mir wichtig ist, meinen Gedanken zu Ende zu bringen. Kannst Du mich ausreden lassen, dann höre ich Dir danach gerne zu?“
Straßengiraffisch: „Moment, lass mich kurz ausreden, dann bist Du gleich dran.“
Du merkst schon: Straßengiraffisch ist kürzer und klingt natürlicher, aber im Kern stecken trotzdem alle vier Schritte drin, nur eben etwas versteckter. Genau das ist das Ziel: nicht jedes Mal ein Lehrbuch aufsagen, sondern mit der Zeit ein Gespür dafür entwickeln, was gerade wirklich los ist, bei Dir und beim anderen.
Wenn Dir das Wolf-Giraffe-Bild gefällt, schau unbedingt in mein kleines Wörterbuch Deutsch-Giraffisch, dort übersetze ich noch mehr Wolfssätze ins Giraffische. Und falls Du GFK nicht nur lesen, sondern richtig üben möchtest, findest Du mein Angebot dazu hier.
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